mein Blog über Elektroautos
Abenteuer Langstrecke: Mit Zoe quer durch Deutschland
von Dorian Schädler,  21. Mai 2015
Der Schweizer Louis Palmer stellte im letzten Sommer mit Hilfe zahlreicher Elektroautofahrer aus ganz Europa in Stuttgart einen Weltrekord mit der längsten Elektroauto-Parade auf, bei dem mein Fahrzeug natürlich nicht fehlen durfte.
Da im Silicon Valley der Rekord zwischenzeitlich gebrochen wurde, rief der Veranstalter der WAVE-Tour nun erneut zum Weltrekordversuch auf. Dieses Mal soll der Rekord in Berlin gebrochen werden. Schade, denn mein Onkel hat seinen Fuhrpark inzwischen auf 3 Elektroautos aufgestockt und zusammen mit meinem Zoe könnten wir entscheidend zum Gelingen beitragen, doch bis Berlin schaffen es nur Zoe und Tesla.
Das gleichzeitig stattfindende Formel-E-Rennen in Berlin und eine seit langem geplante Deutschlandreise mit meinem Zoe sind Anlass genug, wieder an dem Weltrekord teilzunehmen.
Bereits bei der Routenplanung und der akribisch genauen Ladesäulenanalyse stellt sich jedoch schnell heraus, dass dies eine abenteuerliche Fahrt wird, denn von den 4 zur Planung verwendeten Ladesäulenkarten im Internet bekomme ich für jede Ladesäule 4 verschiedene widersprüchliche Auskünfte über Funktion, Ladeleistung und Preise. In wei weiteren Ladesäulenverzeichnissen wird diese Ladesäule gar nicht erst angezeigt. Nach drei Tagen Planung konnte ich schließlich eine Route finden, auf der ich mit meinem Zoe Berlin erreichen könnte (vorausgesetzt alle Ladesäulen existieren und funktionieren). Da ich für die 650 Kilometer lange Fahrt von Biberach im Süden Baden-Württembergs bis Berlin eine Anreisedauer von 22 Stunden errechnet hatte, musste ich auch eine Übernachtungsmöglichkeit einplanen. Kurzentschlossen fuhr ich zum Baumarkt, kaufte mir eine zwei Meter lange Verlegeplatte und lange Holzlatten und baute eine Multifunktions-Bettkonstruktion in den Kofferraum. Im Kofferraum sorgt sie für einen ebenen doppelten Boden und wenn die Lehne der Rückbank ausgebaut ist, kann das darin verstaute Bettteil angeklickt werden und bietet so eine 1,80m lange, stabile, ebene Fläche. Wichtiges Zubehör wie Bettdecke, Kopfkissen, Verpflegung und natürlich ein Liegestuhl fürs Frühstück bei Sonnenaufgang vor dem Auto findet größtenteils im doppelten Boden Platz.
So ausgebaut zum "Kompakt-Luxuscamper" kann die Fahrt losgehen ...


Tag 1

Da ich noch kurzfristig zwei Tage Urlaub einreichen konnte, beginnt meine Fahrt nun bereits am Donnerstag, 21. Mai 2015 (der Weltrekord und das Formel-E-Rennen finden am Samstag statt). Schon die Beschreibung der ersten Ladesäule in Aalen lässt viel Spielraum für Spekulationen, weshalb ich sicherheitshalber einen ersten Ladestopp in Ulm an der bekannten Ladesäule einlege. Erfreulicherweise schaltet mir ein Mitarbeiter des Baywa-Marktes in Aalen die Ladesäule auf dem Kundenparkplatz frei, weshalb auch die zweite Ladung kostenfrei und ohne Zeitverlust erfolgt.
Ladesäule Nr. 3 in Dinkelsbühl ist eine wahre Freude für jeden Elektroautofahrer: Schnellladesäule mit drei reservierten Parkplätzen, 1x Typ2 22kW, 1x CHAdeMO 30kW und 1x CCS ebenfalls mit 30kW, zudem kostenlos und per Knopfdruck freizuschalten. Doch dann verlässt das Schiff den sicheren Hafen: eine Franken+-Karte wollten mir die Stadtwerke Nürnberg als Auswärtiger nicht aushändigen, dadurch kann ich ca. 20 Ladesäulen auf meiner Liste streichen. In Lauf an der Pegnitz entpuppt sich eine TheNewMotion-Ladesäule als private Wallbox, deren Besitzer nicht anzutreffen ist, der Renault-Händler hat bereits geschlossen und seine Ladesäule natürlich abgeschalten (sonst lädt da eventuell noch ein Elektroauto seine Batterien auf) und die Säule auf einem Firmengelände ist um 18:30 Uhr auch nicht mehr zugänglich. Mit der letzten Kilowattstunde in der Batterie kann ich mich gerade noch nach Feucht retten, die Säule lässt sich entgegen der Beschreibung per Anruf freischalten und zwar kostenlos. Die ersten 350 Kilometer fahre ich also ohne einen Cent bezahlen zu müssen!
In Bayreuth habe ich noch einmal Glück: Wieder entgegen der Beschreibung kann ich an der RWE-Säule auch außerhalb der Öffnungszeiten auf dem ADAC-Parkplatz Zoes Gier nach Starkstrom stillen. Allerdings zum RWE-SMS-Tarif. Die Säule in Himmelkron bei Mc Donalds bietet neben dem Typ2-Anschluss auch einen CCS-Ladestecker. Es ist die erste Säule, die ich gesehen habe, an der das Schnellladesystem exklusiv für deutsche Elektroautos vorhanden ist. Für Zoe ist aber wieder nur eine 22kW-Ladung möglich. Bei Einbruch der Dunkelheit verlassen Zoe und ich „vollgetankt“ die letzte Ladesäule für heute und ich mache mich auf die Suche nach einem Schlafplatz ...

              


Tag 2

Die Morgensonne und das Zwitschern der Vögel wecken mich sanft. Auf der selbstentwickelten Bettkonstruktion schläft es sich hervorragend. Nach einem Nutellabrot-Orangensaft-Frühstück im Liegestuhl (Sonnenaufgang habe ich leider verschlafen) starte ich die 2. Etappe.
Auf der Strecke besichtige ich noch einen Windpark, der gerade gebaut wird. Es ist sehr beeindruckend, wenn man direkt unter diesem 130 Meter hohen Koloss steht und sich die Flügel mit einem Durchmesser von 70 Metern über dem Kopf bewegen. Weiter geht die Fahrt mit mehreren Zwischenstopps an Ladesäulen entlang der A9. In Selbitz nördlich von Nürnberg treffe ich dann schon die ersten „Ladekonkurrenten“ ebenfalls mit Ziel Berlin-Tempelhof. Der BMW i3 stellt zwar noch keine Konkurrenz dar, da er an einem CCS-Anschluss auflädt, die nächste Säule ist dann aber belegt durch einen Zoe, weshalb ich an eine 20 Kilometer entfernte Säule ausweichen muss.
An den Ladesäulen erlebe ich heute alle Möglichkeiten der Aktivierung, Bezahlung und Anschlüsse: Es verfügt nicht nur jede Ladesäule über einen anderen Anschluss (Typ 2 Wechselstrom, CCS Gleichstrom nur für deutsche Autos, CHAdeMO für asiatische und Schuko, CEE oder Campingstecker für diverse andere Fahrzeuge), sondern jede Säule muss auch unterschiedlich freigeschalten werden. Hier reichen die Möglichkeiten von „Einstecken und fertig“ über Telefonanruf, SMS-Aktivierung, der Verwendung einer App oder RFID-Karten bis hin zum Abholen eines Schlüssels im benachbarten Unternehmen. Einfach losfahren und eine beliebige Ladesäule wie eine Tankstelle anfahren geht definitiv nicht. Ohne die Ladesäulenkarten im Internet und somit einer schnellen mobilen Internetverbindung hat man keine Chance, in Deutschland eine größere Strecke elektrisch zu absolvieren, denn das Bordnavigationssystem kennt wenn überhaupt nur RWE-Säulen.
Unter hohem Zeitdruck und Reichweitendruck (und schließlich auch Druck auf der Blase) gelingt es mir dennoch, bis 15:15 Uhr die Ladesäule in Leipzig zu erreichen. Dort treffe ich mich mit meinem Onkel, der mit dem Tesla anreist und wir fahren gemeinsam zum BWM-Werk nach Leipzig. Es ist schön, nach 600 Kilometern Fahrt auch mal schneller als 100 km/h fahren zu können. Obwohl BMW in Leipzig seine elektrischen Modelle i3 und i8 produziert und mehrere Ladesäulen auf dem Betriebsgelände installiert hat, ist es uns nur mit viel Aufwand möglich, den Tesla anzuschließen, da uns der Werkschutz nur unter Protest und nach längerem Suchen die Ladekarte zum Freischalten der Säule aushändigt. Dabei haben wir ihm nicht einmal gesagt, dass wir gar keinen BMW i3 fahren. Um 16:00 Uhr nehmen wir an einer Führung durch die Produktionsstraßen der klassischen Fahrzeugproduktion teil, da ich leider keinen Termin mehr für die Elektroauto-Führung bekam. Als wir nach der Führung zum Tesla zurückkehren, hat sich dort bereits eine große Gruppe junger BMW-Fahrer versammelt und sie bewundern das Elektrofahrzeug. Durch eine ausgiebige Demonstration der Tesla-Features gelingt es uns sogar eingefleischte 3er-Fahrer und Autoliebhaber mit Hang zu PS-starken Modellen von der Elektromobilität zu begeistern.
Bei einem kurzen Ladestopp am Tesla-Supercharger zeigt sich, dass selbst diese großzügig, exklusiv für Teslas konzipierten Ladesäulen an ihre Grenzen stoßen können, denn es waren alle sechs Supercharger-Plätze belegt und im Minutentakt reisen weitere Tesla Model S an. Zoe hat inzwischen vollgeladen und zusammen mit meinem Onkel mache ich mich auf nach Dessau, wo es eine kostenlose RWE-Säule im Messemodus gibt. Da die Elektroauto-Invasion auch diese Säule nicht auslässt, stehen bereits bei unserer Ankunft zwei Fahrzeuge beim Laden und weitere Zoes kommen hinzu. So bleibt genug Zeit, sich mit Gleichgesinnten über die Tricks und Probleme des Zoes, anderer Elektroautos und die Entwicklung der Elektromobilität allgemein auszutauschen. Es ist sehr interessant, wie, mit welchen Ladesäulenkarten und wie lange sich andere Fahrer für die Fahrt vorbereiten. Während sich ein Zoe-Kollege während der Fahrt mit dem Laptop die nächsten Ladestationen aussucht, nutzt ein Schweizer, der mit dem Nissan e-NV 200 unterwegs ist, keine digitale Unterstützung, sondern fährt solange, bis der Strom zuneige geht und lädt dann bei Privatleuten an der Steckdose oder bei Bauern mit PV-Anlagen über den Starkstromanschluss. Es ist toll, wie sich alle Elektroautofahrer gegenseitig helfen; so kann ich dem schweizer Fahrer die nächste Ladesäulen empfehlen und ein Zoe-Fahrer bietet mir an, dass ich an der nächsten Ladesäule seine Ladekarte verwenden kann, um so mit mehr Leistung laden zu können.
In einem Vorort von Berlin suchen wir uns einen Schlafplatz, um morgen früh rechtzeitig zum Weltrekordversuch fahren zu können ...

                        

Fortsetzung folgt in Blog-Bericht 18